Die 110-jährige Geschichte der Kurzarbeit

Während der Corona-Krise ist das Thema Kurzarbeit fast allgegenwärtig. Corona hat dafür gesorgt, dass in der Wirtschaft Zulieferketten zusammenbrechen und aus Unternehmensgewinnen Verluste werden. Als Folge müssen viele Unternehmen um ihr Überleben kämpfen.

In solchen Zeiten greift der Staat ein, um Massenentlassungen zu vermeiden, um die Wirtschaft zu stabilisieren und um Personalkosten für Unternehmen zu reduzieren. Das Mittel der Wahl ist hier häufig das Kurzarbeitergeld, bei dem die Bundesagentur für Arbeit einen Zuschuss zum Arbeitslohn zahlt, sobald der Arbeitgeber Kurzarbeit beantragt hat. Das letzte Mal, als das Kurzarbeitergeld so stark thematisiert wurde, war zu Zeiten der Finanzkrise im Jahr 2008. Die Geschichte der Kurzarbeit in Deutschland geht aber deutlich weiter zurück. Hier eine kurze Übersicht:

Der Beginn der Kurzarbeit

Das Thema Kurzarbeitergeld ist seit längerem fester Bestandteil der Gesetzgebung in Deutschland und hat seinen Ursprung im Jahr 1910 als Teil des sogenannten Kali-Gesetzes. Zu dieser Zeit gab es Produktionsquoten, die zwischenzeitlich dafür sorgten, dass Werke im Kalibergbau stillgelegt werden mussten. Zur Überbrückung wurde den deshalb beschäftigungslosen Arbeitnehmern Kurzarbeiterfürsorge aus Staatsmitteln gezahlt.

Diese sehr spezifische Regelung wurde im Jahr 1924 zu einer Version erweitert, die dem heutigen Kurzarbeitergeld gleicht. Die Modifikation war als Reaktion auf die Hyperinflation im vorherigen Jahr dringend notwendig und wurde, ähnlich zu heute, Kurzarbeiterunterstützung genannt. Die Gesetzesgrundlage für das Kurzarbeitergeld, wie wir es heute kennen, wurde dann im Jahr 1927 im Rahmen des Gesetzes über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung geschaffen.

Natürlich war in Zeiten des Wirtschaftswunders, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, das Thema Kurzarbeit kaum relevant. Das änderte sich jedoch schlagartig, als in den späten 60er Jahren die erste Wirtschaftskrise abgefedert werden musste. Wieder war das Kurzarbeitergeld das Mittel der Wahl, was eine erneute Modernisierung der Gesetzesgrundlage mit sich brachte. Der prominenteste Einsatz der Kurzarbeit in der moderneren Geschichte war aber zweifelsfrei die globale Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009.

Kurzarbeit in der Finanzkrise

Während andere Länder teils längerfristig mit den Auswirkungen der Finanzkrise zu kämpfen hatten, und vereinzelt sogar neue Wirtschaftskrisen entstanden sind, hat sich die deutsche Wirtschaft verhältnismäßig schnell erholt. Zwar war das Jahr 2009 sowohl durch steigende Arbeitslosenzahlen als auch durch ein negatives Wirtschaftswachstum gekennzeichnet, allerdings konnte dieser Trend im Jahr 2010 sofort korrigiert werden. Ein Grund dafür: das Kurzarbeitergeld.

Dank der Entlastung der Unternehmen durch den Staat, insbesondere bei den Lohnkosten, konnte der Effekt der Krise auf die Arbeitslosenzahlen geringgehalten werden. So waren während des Hochpunktes der Krise, im Jahr 2009, zwar mehr als 1,1 Millionen Arbeiter in Kurzarbeit, allerdings konnte dadurch eine höhere Arbeitslosigkeit vermieden werden. Trotz der offensichtlichen Effektivität gibt es in anderen Ländern kaum vergleichbar detaillierte Maßnahmen im Bereich Kurzarbeit.

Das Coronavirus stellt die Kurzarbeit vor ihren bisher größten Belastungstest. Anders als in den Vereinigten Staaten beispielsweise, ist es uns bis jetzt sehr gut gelungen, den Effekt von Corona auf die Arbeitslosigkeit verhältnismäßig gering zu halten.

Corona und Kurzarbeit

Laut Zahlen der Bundesagentur für Arbeit vom Juni 2020 haben 2020 bereits jetzt mehr als 12 Millionen Arbeitnehmer in Kurzarbeitergeld in Anspruch genommen. Davon hatten bereits 11,8 Millionen bereits in März, April und Mai angemeldet, im Juni kamen weitere 343.000 hinzu. Außerdem, haben bereits 50 Prozent der Unternehmen in Deutschland Kurzarbeit beantragt – Tendenz steigend. Obwohl die Arbeitslosenquote im Mai 2020 um 1,2% höher lag als noch im Vorjahr, ist deutlich erkennbar, wie sehr das Kurzarbeitergeld den Effekt des Coronavirus auf den Arbeitsmarkt abgefedert hat. In den USA - wo es nicht die Möglichkeit gibt, Kurzarbeit zu beantragen – haben seit Beginn der Corona-Krise bereits mehr als 30 Millionen Menschen ihren Job verloren. Das Kurzarbeitergeld und dessen tiefe Verankerung in der deutschen Wirtschaftsgeschichte haben uns bisher vor diesem Szenario bewahrt. Hoffen wir, dass das so bleibt.