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Pflichtveranlagung: Wer muss eine Steuererklärung abgeben?

Wir erklären Dir ausführlich, in welchen Fällen Du verpflichtet bist, eine Steuererklärung abzugeben.

Das Einkommensteuergesetz (EStG) unterscheidet zwischen Steuerpflichtigen, die verpflichtet sind, eine Steuererklärung abzugeben (Pflichtveranlagung), und solchen, die sich freiwillig veranlagen lassen (Antragsveranlagung).

Selbstständige, Freiberufler und Gewerbetreibende müssen grundsätzlich eine Einkommensteuererklärung abgeben, sobald ihre Einkünfte den Grundfreibetrag übersteigen. Er liegt 2020 bei 9.408 Euro und steigt 2021 auf 9.744 Euro.

Doch wie sieht es bei Arbeitnehmern aus?

Dein Arbeitgeber führt jeden Monat einen Teil Deines Arbeitslohns als Lohnsteuer an das Finanzamt ab. Das nennt sich Lohnsteuerabzug und ist eine Vorauszahlung auf Deine jährliche Einkommensteuer, die Du auf Einkünfte aus nichtselbstständiger Arbeit zahlst. Wenn Du Deine Einkommensteuererklärung abgibst, wird die Lohnsteuer, die Du bereits vorausgezahlt hast, auf Deine endgültige Steuerschuld angerechnet. Spätestens bis Ende Februar erhältst Du von Deinem Arbeitgeber Deine Lohnsteuerbescheinigung für das vergangene Jahr. Darauf siehst Du auf einen Blick die Höhe Deines Arbeitslohns und wieviel Lohnsteuer und gegebenenfalls Kirchensteuer Du letztes Jahr gezahlt hast.

Nach § 25 Abs. 3 Satz 1 EStG muss zunächst jeder Steuerpflichtige für den abgelaufenen Veranlagungszeitraum eine Steuererklärung abgeben.

Allerdings: Wenn Du Deine Einkünfte ganz oder teilweise aus nichtselbstständiger Arbeit beziehst und ein entsprechender Lohnsteuerabzug vorgenommen wurde, gilt eine Abgabepflicht nur unter bestimmten Voraussetzungen.

In bestimmten Fällen sind Arbeitnehmer dazu verpflichtet, eine Steuererklärung abzugeben.

Pflichtveranlagung für Arbeitnehmer

Die Fälle, in denen Arbeitnehmer eine Steuererklärung abgeben müssen, sind in § 46 EStG geregelt. Wenn mindestens einer der vorliegenden Punkte auf Dich zutrifft, vermutet das Finanzamt, dass Du zu wenig Steuern vorab gezahlt hast. Dann bist Du verpflichtet, eine Einkommensteuererklärung einzureichen.

1. Nebeneinkünfte

  • Wenn Du im Kalenderjahr parallel von mehreren Arbeitgebern Arbeitslohn beziehst - also ein Lohn nach Lohnsteuerklasse VI abgerechnet wird - musst Du eine Einkommensteuererklärung abgeben.
  • Das gilt auch für einkommensteuerpflichtige Nebeneinkünfte ohne Lohnsteuerabzug von mehr als 410 Euro im Kalenderjahr, z.B. Renten, Honorare und Mieten. Nebeneinkünfte können auch Kapitalerträge sein, auf die keine Abgeltungsteuer gezahlt wurde, z.B. Zinsen für ausländische Geldanlagen. Die Grenze von 410 Euro bezieht sich auf die positive Summe der Einkünfte, gegebenenfalls vermindert um den Altersentlastungsbetrag und Freibeträge für Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft.

2. Lohnersatzleistungen

Hast Du im Kalenderjahr mehr als 410 Euro an Lohnersatzleistungen erhalten? Diese sind zwar steuerfrei, unterliegen aber dem Progressionsvorbehalt und somit der Pflichtveranlagung, da sie den Steuersatz auf Dein übriges Einkommen erhöhen können. Zu den Lohnersatzleistungen zählen unter anderem:

3. Lohnsteuerermäßigung/ Freibeträge

Wenn Du beim Finanzamt Freibeträge beim Lohnsteuerabzug beantragt hast (z.B. für Werbungskosten, Sonderausgaben oder außergewöhnliche Belastungen) bist Du im Folgejahr zur Abgabe einer Steuererklärung verpflichtet. Du zahlst nämlich im laufenden Jahr eine ermäßigte Lohnsteuer und das Finanzamt überprüft anschließend, ob diese Freibeträge Deinen tatsächlichen Aufwendungen entsprechen. Es gilt allerdings keine Abgabepflicht, wenn Dein insgesamt erzielter Arbeitslohn unter folgenden Grenzen liegt:

Jahr 2018 2019 2020 2021
Einzelveranlagung 11.400 Euro 11.600 Euro 11.900 Euro 12.250 Euro
Zusammenveranlagung 21.650 Euro 22.050 Euro 22.600 Euro 23.350 Euro

4. Lebenspartner

  • Eine Steuererklärung ist verpflichtend für Eheleute, die beide Arbeitslohn beziehen und von denen einer nach Steuerklasse V oder VI besteuert wurde. Auch bei Steuerklasse IV mit Faktorverfahren ist die Abgabe Pflicht.
  • Wenn ein Ehepartner die Einzelveranlagung beantragt, sind laut BFH automatisch beide Ehegatten abgabepflichtig.
  • Die Abgabepflicht gilt auch, wenn bei den Lohnsteuerabzugsmerkmalen ein Ehepartner berücksichtigt wird, der im Ausland lebt und der die unbeschränkte Steuerpflicht in Deutschland beantragt hat.
  • Auch bei Verwitweten oder Geschiedenen, die im selben Jahr wieder heiraten, gilt eine Steuererklärungspflicht – ebenso, wenn Dein Ex-Partner im selben Jahr wieder heiratet.
  • Unverheiratete, geschiedene oder dauernd getrenntlebende Eltern, die den Ausbildungsfreibetrag, den Behinderten- Pauschbetrag oder den Hinterbliebenen-Pauschbetrag für ihr Kind nicht im Verhältnis 50/50 aufteilen wollen, müssen eine Einkommensteuererklärung abgeben.

5. Sonstige Bezüge

  • Hast Du von Deinem Arbeitgeber außerordentliche Einkünfte wie eine Abfindung erhalten oder eine Vergütung für mehrjährige Tätigkeit im Betrieb? Falls Du sie nicht auf einmal versteuern möchtest und die steuerlich günstigere Fünftel-Regelung wählst, greift die Veranlagungspflicht.
  • Wenn Du im Veranlagungszeitraum nach einem Arbeitgeberwechsel vom neuen Arbeitgeber sonstige Bezüge erhältst (z.B. Urlaubs- oder Weihnachtsgeld) und er bei der Lohnsteuerberechnung für diese Bezüge Deinen Arbeitslohn aus dem vorigen Arbeitsverhältnis nicht berücksichtigt, musst Du eine Erklärung abgeben. Das erkennst Du auch am Kennbuchstaben S auf Deiner Lohnsteuerbescheinigung. Falls Du die Pflichtveranlagung vermeiden möchtest, lege Deinem neuen Arbeitgeber einfach Deine Lohnsteuerbescheinigung vom alten Arbeitgeber vor. Achtung: Das gilt nicht für Corona-Prämien. Diese sind steuerfrei und müssen auf der Lohnsteuerbescheinigung nicht aufgeführt werden!
  • Auch Zahlungen der Urlaubs- und Lohnausgleichskasse der Bauwirtschaft gehören zu den sonstigen Bezügen, die Dich zur Einkommensteuererklärung verpflichten.

6. Vorsorge

Seit dem Veranlagungszeitraum 2010 werden Deine Vorsorgeaufwendungen bereits beim monatlichen Lohnsteuerabzug durch die Vorsorgepauschale berücksichtigt. Dafür wird bei der Steuererklärung selbst die Pauschale nicht mehr angesetzt, sondern Deine tatsächlich geleisteten Versicherungsbeiträge (Altersvorsorge, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung) berücksichtigt. Falls Deine Aufwendungen die Vorsorgepauschale übersteigen, kannst Du sie Dir durch eine Steuererklärung zurückholen. Wenn allerdings die Vorsorgeaufwendungen, die Du tatsächlich steuerlich abziehen kannst, niedriger sind als die Vorsorgepauschale, gilt auch hier eine Veranlagungspflicht – sofern Dein Jahres-Arbeitslohn über 12.250 Euro (Einzelveranlagung) oder 23.350 Euro (Zusammenveranlagung) liegt.

7. Wohnsitz im Ausland

Wenn Dein Wohnsitz im Ausland ist, Du aber die unbeschränkte Steuerpflicht in Deutschland beantragt hast, erwartet das Finanzamt Deine Steuererklärung.

Abgabepflicht für Nichtarbeitnehmer

Verlustvortrag und Verlustrücktrag

Hast Du dem Finanzamt einen steuerlichen Verlust gemeldet? Dann musst Du im Folgejahr eine Steuererklärung abgeben, bis Dein Verlust mit anderen positiven Einkünften verrechnet ist.

Rentner und Pensionäre

Auch für Rentner, die steuerpflichtige Einkünfte über dem Grundfreibetrag haben, ist die Steuererklärung Pflicht. Eine Werbungskostenpauschale von 102 Euro wird automatisch von ihren Einkünften abgezogen. Es können natürlich weitere Aufwendung steuerlich geltend gemacht werden wie z.B. Krankheitskosten oder haushaltsnahe Dienstleistungen. Rentner müssen aber nicht ihre komplette Rente versteuern: Der steuerpflichtige Teil der Rente richtet sich nach dem Jahr, in dem sie in Rente gegangen sind.

Pensionsbezüge für Beamte im Ruhestand gelten als Einkünfte aus nichtselbstständiger Arbeit und werden bereits bei der Auszahlung besteuert, abzüglich Versorgungsfreibetrag und Zuschlag zum Versorgungsfreibetrag. Pensionäre, die Versorgungsbezüge aus mehreren Dienstverhältnissen beziehen, müssen ebenfalls eine Einkommensteuererklärung abgeben.

Hinweis: Wir möchten Dich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass diese Liste nur die wichtigsten und häufigsten Gründe für eine Pflichtveranlagung aufzählt. Das Finanzamt kann Dich auch jederzeit zur Abgabe einer Steuererklärung auffordern, auch wenn keine der genannten Fälle auf Dich zutrifft. Das ist in § 149 Abs. 1 Satz 2 der Abgabenordnung geregelt.

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Härteausgleich: Nebeneinkünfte bis 410 Euro steuerfrei

Für Arbeitnehmer, Beamte und Pensionäre mit weiteren Einkünften, die nicht dem Lohnsteuerabzug unterliegen, sind diese Einkünfte bis zu einer Freigrenze von 410 Euro im Kalenderjahr steuerfrei. Nebeneinkünfte zwischen 410 Euro und 820 Euro werden ermäßigt besteuert. Das nennt sich Härteausgleich und wird vom Finanzamt automatisch vorgenommen. Hast Du z.B. Mieteinkünfte von 600 Euro, zieht das Finanzamt die 600 Euro von 820 Euro ab. 220 Euro bleiben dann steuerfrei, die verbleibenden 380 Euro musst Du versteuern.

Hinweis: Bei Zusammenveranlagung von Ehepartner werden die Nebeneinkünfte addiert, allerdings ohne, dass sich die Freigrenze von 410 Euro verdoppelt!

Fristen und Strafen

Für Pflichtveranlagte gilt eine Abgabefrist: Sie müssen ihre Einkommensteuererklärung bis zum 31. Juli des folgenden Jahres abgeben. Bei freiwilliger Abgabe gilt eine Festsetzungsfrist: Du kannst Deine Steuererklärung bis zum 31. Dezember 4 Jahre nach dem Steuerjahr abgeben.

Pflichtveranlagten drohen bei verspäteter Abgabe Strafen, die weh tun: ein sogenannter Verspätungszuschlag oder ein Zwangsgeld. Der Verspätungszuschlag beträgt 0,25 Prozent der zu zahlenden Einkommensteuer – mindestens aber 25 Euro pro Monat! Das Finanzamt kann auch Zwangsgeld als Strafe nutzen. Bei der ersten Nichtabgabe einer Steuererklärung liegt das Zwangsgeld oft zwischen 100 und 500 Euro. Es kann bei hohem Einkommen aber auch deutlich höher ausfallen. Bis zu 25.000 Euro Zwangsgeld sind möglich. Bist Du pflichtveranlagt und gibst die Steuererklärung nicht ab, muss das Finanzamt eine Steuerschätzung vornehmen und die geschätzte Steuerschuld von Dir einfordern. Diese ist meist relativ hoch, da dem Finanzamt keine abziehbaren Aufwendungen von Dir vorliegen. Nach dem Schätzungsbescheid bleibt Dir nur ein Monat Zeit, um dagegen Einspruch einzulegen. Und Deine Steuererklärung musst Du trotzdem noch nachreichen.

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